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Kajastus meedias


24.05.2004
Stolz und ungeduldig: Die neue Generation Estlands

Alva Gehrmann;

Schwungvoll läuft Silver Meikar die Treppen zum Plenarsaal herunter, gleichzeitig tippt er etwas in seinen Laptop, den er mühelos auf dem rechten Arm balanciert. "Mir ist gerade noch etwas eingefallen", sagt er, lächelt und klappt seinen Laptop zu. Silver Meikar ist ein groß gewachsener Mann, er trägt einen schwarzen Kordanzug, dazu eine schicke Krawatte. Der Politiker ist erst 26 Jahre alt und damit der jüngste Abgeordnete im estnischen Parlament (Riigikogu).

Meikar ist ein typischer Vertreter der neuen Generation: Sie sind jung, machen schnell Karriere, wissen genau, was sie wollen. Seit einem Jahr ist er Mitglied im Parlament; zuvor hat er an der Universität in Tartu Wirtschaft studiert, sich in verschiedenen Initiativen engagiert und war zwei Jahre Geschäftsführer seiner eigenen Internetfirma. Doch das reicht ihm nicht: "Ich will etwas verändern", sagt er. Meikar ist Mitglied der Eesti Reformierakond, der Liberalen Partei, seine Fachgebiete sind Jugend und IT. Die schnelle Karriere gelang durch viel Engagement, aber auch, weil die Zeiten sich geändert haben.

Musterländchen im Norden

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und damit die Unabhängigkeit Estlands waren die Chance für junge Menschen wie Silver Meikar. 1991 fing alles bei Null an. Die alten Regeln galten nicht mehr. Also probierte sich die nachfolgende Generation aus, ging ihren eigenen Weg. Mit Erfolg: der Justizminister ist gerade mal 29 Jahre alt, der Premierminister 38.

Estland gilt als das Musterland der neuen EU-Mitglieder. Über 70 Prozent haben ein eigenes Handy, sie können ihre Parkgebühren per SMS bezahlen, jeder Bürger hat laut Verfassung das Recht auf freien Zugang zum Internet und die ID-Card, die eine digitale Signatur ermöglicht, ersetzt heute schon in vielen Bereichen den Personalausweis. Vorbilder für den IT-Weg waren Finnland und Schweden. Beide unterstützen den kleinen Nachbarn mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern.

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Die Esten fühlen sich ohnehin mehr als Skandinavier denn als Balten. Nur 80 Kilometer ist Helsinki von Tallinn entfernt. "Schon zu Sowjetzeiten konnten wir finnisches Fernsehen empfangen, deshalb wussten wir immer, was in der Welt passiert", sagt Silver Meikar, der 1991 gerade mal 13 Jahre alt war. Heute setzt er sich für die nächste Generation ein, will Regionalwahlen ab 16 Jahre einführen. "Je früher man etwas verändern kann, um so besser." Aktiv sein, das ist die Devise. Und sei es nur, eine Initiative gegen das Fällen der Bäume im Dorf zu gründen.

Silver Meikar hat sich ein weiteres Ziel gesteckt: er will Abgeordneter im Europaparlament werden. Am 13. Juni, bei den Europawahlen entscheidet sich, ob er einen der begehrten Plätze bekommt. Er hat schöne Konkurrenz: Carmen Kass, das estnische Supermodel, kandidiert ebenfalls. Schon zuvor engagierte sich Silver Meikar für den EU-Beitritt, war Kampagnen-Manager in der estnischen Europa-Bewegung. Für Ja stimmte er hauptsächlich aus ökonomischen Gründen, denn so könne sich das Land noch schneller entwickeln, sagt er. Sechs Abgeordnete werden Estland im Europaparlament vertreten, Deutschland verfügt über 99 Plätze. Meikar will sich für den gleichberechtigten Umgang der EU-Mitgliedsstaaten einsetzen, unabhängig von Größe und Einwohnerzahl.

Die Ignoranz des Westens


Die nächste Generation ist schon in den Startlöchern: Helen Hallik kann bei dieser Europawahl noch nicht mitwählen, sie ist erst 17, doch auch sie weiß genau, was sie nach ihrem Schulabschluss machen will. Treffen in der Altstadt, unweit des estnischen Parlamentsgebäudes, im "Beer House". Sie bestellt sich eine Cola. Alkohol darf sie offiziell noch nicht trinken, nicht mal ein Bier, denn der ist in Estland erst ab 18 Jahren erlaubt. Helen hat ein Augenbrauen-Piercing, trägt Jeans und T- Shirt, in der Adidas-Tasche sind ihre Schulunterlagen verstaut.

Bis auf Carhartt-Jeans bekomme sie in Estland alles, sagt sie. Die 17-Jährige ist schon viel herumgekommen, bereiste 25 Länder. Thailand, Deutschland und Frankreich zum Beispiel. "Mich ärgert, dass manche Franzosen immer noch denken, dass wir ein Teil von Russland sind." Hoffentlich ändere sich das bald.

Sie ist stolz, eine Estin zu sein. Trotzdem zieht es sie nach ihrem Schulabschluss in die Ferne. Public Relations möchte sie studieren - am liebsten in England. Denn dort soll es die besten Universitäten für das Fach geben. Durch die EU-Mitgliedschaft wird es für Helen Hallik leichter, einen Studienplatz zu bekommen. Mit ein Grund weshalb sie es gut findet, dass Estland nun Teil der Europäische Union ist.

Stars und Sternchen

Drei Fremdsprachen spricht sie: Englisch, Französisch und Russisch. Eine gute Vorbereitung für die europäische Zukunft. Über die EU selbst hat sie in der Schule jedoch wenig gelernt. "Es lagen ein paar Broschüren aus, mehr aber nicht." Im Internet jedoch gäbe es viele Websites, auf denen man sich darüber informieren kann. "Wer interessiert ist, bekommt also auch sein Wissen."

Jeden Tag liest sie den Politikteil der Tageszeitung, für das Schulfach Sozialwissenschaften braucht sie das. Nur wenige ihrer Freunde interessieren sich für Politik. Sie surfen lieber im Internet, um sich über Stars zu informieren - bis zu sechs Stunden am Tag, oder sie schauen Fernsehen: MTV und Viva. "Das ist nicht so mein Ding, allein schon wegen der Musikauswahl. Ich stehe mehr auf Rock."

Kurz nach den Europawahlen wird sie 18 Jahre alt. Beim nächsten Mal, da will auch sie zur Wahl gehen und mitbestimmen, wie sich Europa entwickelt.

Alva Gehrmann arbeitet als freie Autorin für Zeitungen und Magazine. Sie ist gerade von einer Reise ins Baltikum zurückgekehrt.

Fotos: "Silver Meikar" / privat, "Helen Hallik" / Alva Gehrmann

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